
{"id":4922,"date":"2022-02-24T13:47:14","date_gmt":"2022-02-24T12:47:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lindenauschule.de\/?p=4922"},"modified":"2022-02-24T13:47:14","modified_gmt":"2022-02-24T12:47:14","slug":"carmen-liebt-heute-sauerkraut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lindenauschule-hu.de\/?p=4922","title":{"rendered":"Carmen liebt heute Sauerkraut"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was ist typisch spanisch, was italienisch oder deutsch? \u201eWir Italiener und auch die Spanier reden gerne viel und laut\u201c, sagt Serena Grimaldi. Dar\u00fcber hinaus aber ist sich die 17-J\u00e4hrige mit ihren Mitsch\u00fclerinnen Emily Riebel und Pehchan Kapoor einig, dass die Grenzen flie\u00dfend sind. Diese Erfahrungen haben sie nicht nur im eigenen Umfeld gemacht, sondern auch bei ihrem Projekt an der Lindenauschule.<\/strong><\/p>\n<p>Hanau &#8211; Dort haben sie \u00fcber einen Zeitraum von zwei Jahren Interviews mit Arbeitsmigranten gef\u00fchrt. \u201eWir wollten wissen, welche Erfahrungen sie in Deutschland gemacht haben, als sie Anfang der 60er Jahre hier angekommen sind\u201c, erkl\u00e4ren die drei Sch\u00fclerinnen den Hintergrund des Projekts, bei dem sie von ihrem Geschichtslehrer Sebastian Saliger begleitet wurden.<\/p>\n<p>Die Interviews und die darauf basierenden filmischen und schriftlichen Aufzeichnungen sind Teil einer Ausstellung, die im Museum Gro\u00dfauheim gezeigt werden soll, sobald die Corona-Beschr\u00e4nkungen gelockert sind.<\/p>\n<p><strong>\u201eHauptsache ist die Einstellung eines Menschen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit unserer Zeitung berichten die drei jungen Frauen, wie spannend das Projekt f\u00fcr sie war und wie intensiv sie sich in der Folge mit der eigenen Familiengeschichte besch\u00e4ftigt haben. Die 18-j\u00e4hrige Emily aus Klasse 12, deren Familie aus Glauchau nach Hanau kam, als Emily ein Jahr alt war, kannte bis zu der Unterrichtseinheit keine Schilderungen \u00fcber die Anfangsjahre fr\u00fcher Arbeitsmigranten in Hanau. \u201eDas muss man mal geh\u00f6rt haben\u201c, ist sie froh, dass sie Teil des Projektes war. \u201eIch glaube, dass die Welt nie 100-prozentig gerecht sein wird\u201c, ist sie sicher. Trotzdem m\u00fcsse man sich immer um Toleranz bem\u00fchen.<\/p>\n<p>Ihr selbst seien Herkunft oder sexuelle Orientierung schon immer egal gewesen, \u201eHauptsache ist die Einstellung eines Menschen\u201c. Und da findet sie, dass sich einiges \u00e4ndern m\u00fcsse. Viele akzeptierten zwar die Vielfalt in der Gesellschaft, doch eine kleine Minderheit greife andere verbal oder gar t\u00e4tlich an und die sei laut.<\/p>\n<p><strong>Dumme Spr\u00fcche geh\u00f6ren zum Alltag<\/strong><\/p>\n<p>Solche Angriffe haben sowohl Serena, die in Hanau geboren ist und italienische Wurzeln hat, als auch die 17-j\u00e4hrige Pehchan mit indischem Hintergrund schon selbst erlebt. Pehchan berichtet von dummen Spr\u00fcchen im Restaurant der Eltern, wo ihre Schwester (als geb\u00fcrtige Hanauerin) gefragt worden sei, ob sie \u00fcberhaupt Deutsch k\u00f6nne. Serena spricht von Beleidigungen wie der Aufforderung \u201egeh\u2019 zur\u00fcck in dein Land\u201c.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr alle drei, die sich in Deutschland zu Hause f\u00fchlen, haben die Geschichten der Arbeitsmigrantinnen und -migranten eine andere Dimension. Bei den Interviews haben sie erfahren, wie ausgegrenzt die \u201eGastarbeiter\u201c \u2013 im Falle von Gro\u00dfauheim \u00fcberwiegend Spanier und Italiener, die bei BBC angeworben wurden \u2013 damals gewesen seien. Ohne Sprachkenntnisse in einem fremden Land seien sie isoliert und f\u00fcr Jahre in Baracken untergebracht gewesen.<\/p>\n<p><strong>Zuwanderern wurde das Leben schwer gemacht<\/strong><\/p>\n<p>Serena wusste \u00fcber diese Zeit schon einiges aus der eigenen Familie. Ihre Gro\u00dfmutter kam als 15-J\u00e4hrige mit der \u00e4lteren Cousine nach Hanau, um auf deren Kind aufzupassen. \u201eEs war fr\u00fcher \u00fcblich, dass die jungen M\u00e4dchen ihre \u00e4lteren Verwandten als Kinderbetreuung begleiten mussten\u201c, sagt sie. Sp\u00e4ter habe die Gro\u00dfmutter erst als Putzhilfe, dann in einer Pizzeria gearbeitet und dort ihren Mann kennengelernt. Auch die Gro\u00dfeltern von Pehchan kamen der Arbeit wegen aus Indien nach Hanau. Pehchans Eltern f\u00fchren ein Restaurant in Gro\u00dfauheim.<\/p>\n<p>Durch die Interviews haben die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gelernt, wie schwer vielen fr\u00fchen Zuwanderern das Leben in der deutschen Gesellschaft gemacht wurde, besonders den Frauen: \u201eMeine Oma wurde damals richtig kleingemacht. Das Putzen hat ihr nicht wirklich geholfen, die Sprache zu lernen\u201c, sagt Serena. Das sei heute anders, weil die Frauen Hilfen bek\u00e4men. \u201eDie Menschen sind hier angekommen\u201c, glaubt sie.<\/p>\n<p><strong>Deutschland \u201ekalt und dunkel\u201c wahrgenommen<\/strong><\/p>\n<p>Gefunden wurden die Gespr\u00e4chspartner durch einen Aufruf an der Schule, erkl\u00e4rt Lehrer Saliger, darunter Mitglieder von Sch\u00fclerfamilien, aber auch Interessierte aus dem Stadtteil. \u201eWir hatten das Gef\u00fchl, dass die \u00e4lteren Leute sich gefreut haben, ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen\u201c, erinnern sich Emily und Pehchan. Viele h\u00e4tten sogar alte Fotos mitgebracht, was das Erz\u00e4hlte f\u00fcr die Sch\u00fcler anschaulicher machte.<\/p>\n<p>\u201eBei ihrer Ankunft empfanden viele Deutschland als kalt und dunkel\u201c, nimmt Pehchan als Erfahrung aus dem Interview-Projekt mit. Doch inzwischen spr\u00e4chen viele davon, dass sie nicht mehr nur eine Heimat h\u00e4tten, sondern zwei. Einer der italienischen Interview-Partner, ein Rentner aus Neuberg, habe von seinen Urlauben in der \u201ealten Heimat erz\u00e4hlt\u201c. Zur\u00fcck in Neuberg habe er sich in seiner Wohnung in den Sessel fallen lassen mit den Worten: \u201eEndlich zu Hause!\u201c<\/p>\n<p>Mit ihrem Interview-Projekt wollen die Sch\u00fclerinnen einen Beitrag zur Aufkl\u00e4rung leisten. Sie selbst h\u00e4tten durch die Gespr\u00e4che viel gelernt. \u201eDas Miteinander ist heute besser als fr\u00fcher. Aber man kann nie genug an dem Thema arbeiten\u201c, betont Pehchan. \u201eVorurteile kann man vermutlich nie ganz ausl\u00f6schen. Darum ist es so wichtig, immer dagegenzuhalten\u201c, pflichtet ihr Emily bei. Und Serena betont, wie sch\u00f6n es ist, dass Grenzen mit der Zeit verschwimmen und man sich aus verschiedenen Kulturen das Beste heraussuchen k\u00f6nne. \u201eEine der Interviewten, eine \u00e4ltere Spanierin, liebt heute Sauerkraut. Und das mochte sie am Anfang \u00fcberhaupt nicht\u201c, sagt sie und lacht.<\/p>\n<p><em>Von Jutta Degen-Peters (Hanauer Anzeiger)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist typisch spanisch, was italienisch oder deutsch? \u201eWir Italiener und auch die Spanier reden gerne viel und laut\u201c, sagt Serena Grimaldi. 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